Wo Knochen auf Leben treffen

Veröffentlicht am 9. Juni 2026 um 09:45

Wer schon einmal eine Yin Yoga Stunde besucht hat, kennt dieses Phänomen: Zwei Menschen befinden sich in derselben Haltung und sehen dennoch völlig unterschiedlich aus. Während die eine Person mühelos tief in die Vorbeuge sinkt, bleibt die andere deutlich aufrechter. Manche Menschen können scheinbar problemlos im Lotussitz sitzen, andere niemals. Liegt das an mangelnder Beweglichkeit? Nicht unbedingt.

Warum dieselbe Yin Yoga Haltung bei jedem Menschen anders aussehen kann

Viele Jahre lang dachte ich selbst, Yoga bedeute vor allem, den Körper schrittweise in die Form einer Haltung zu bringen. Während meiner ersten Ausbildungen lag der Schwerpunkt auf Ausrichtung, Technik und dem Erlernen der Asanas. Das war wertvoll, doch gleichzeitig stellte ich fest, dass bestimmte Haltungen für mich trotz regelmäßigen Übens schwierig oder sogar unangenehm blieben. Erst durch die funktionelle Anatomie des Yin Yoga begann sich meine Sichtweise grundlegend zu verändern.

Jeder Körper besitzt seine eigene Architektur

Im funktionellen Yin Yoga betrachten wir nicht nur Muskeln und Beweglichkeit, sondern auch die Struktur des Skeletts. Die Form unserer Knochen, die Tiefe unserer Gelenkpfannen und andere anatomische Unterschiede bestimmen maßgeblich, wie sich ein Körper bewegen kann.Deshalb können zwei Menschen dieselbe Haltung praktizieren und dabei völlig unterschiedliche Formen einnehmen, obwohl beide die gleiche beabsichtigte Wirkung erfahren. Die entscheidende Frage lautet nicht:

Wie sieht die Haltung aus?“

Sondern:

„Was bewirkt die Haltung in diesem Körper?“

Dieser Perspektivwechsel verändert die Praxis grundlegend.

Funktion vor Form

Der funktionelle Ansatz wurde maßgeblich von Paul Grilley geprägt. Statt eine ideale äußere Form anzustreben, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Zielbereiche einer Haltung und die individuelle Erfahrung im Körper.

Im Yin Yoga interessieren uns Fragen wie:

• Welche Gewebe werden belastet?
• Wo entsteht Zugspannung?
• Wo trifft Bewegung auf Kompression?
• Welche Anpassung unterstützt diesen Körper am besten?

Dadurch wird Yoga zugänglicher, sicherer und oft auch deutlich befreiender.

Für viele Yogalehrer:innen ist diese Erkenntnis ein Wendepunkt. Wer versteht, warum dieselbe Haltung bei verschiedenen Menschen unterschiedlich aussieht, beginnt anders zu unterrichten. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von äußeren Formen hin zu individuellen Erfahrungen. Genau dort beginnt ein Unterricht, der Menschen wirklich dort abholt, wo sie stehen.

Warum Yin Yoga anders schaut

Viele Yogastile legen ihren Schwerpunkt auf Kraft, Beweglichkeit und die äußere Form einer Haltung. Yin Yoga lädt uns ein, das Tempo zu verlangsamen und genauer hinzusehen. Wenn wir mehrere Minuten in einer Haltung verweilen, werden die Unterschiede zwischen einzelnen Körpern oft besonders deutlich. Was in einer dynamischen Praxis leicht übersehen wird, zeigt sich plötzlich ganz klar.

Yin Yoga lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Frage, wie eine Haltung aussehen sollte, und hin zu der Frage, wie sie tatsächlich erlebt wird. Für viele Praktizierende und Lehrende öffnet sich dadurch eine neue Ebene des Verständnisses.

Yoga findet in realen Körpern statt

Nach mehr als 3.000 Unterrichtsstunden und vielen tausend Stunden mit Schüler:innen unterschiedlichster Altersgruppen und Hintergründe begegnet mir immer wieder dieselbe Erkenntnis:

Kein Körper gleicht dem anderen.

Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Knochenstrukturen, Verletzungen, Gewohnheiten und Lebenserfahrungen mit auf die Matte. Yoga findet nicht in einem idealisierten Körper statt. Yoga findet in realen Körpern statt.

"Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Praxis:
In dem Moment, in dem wir aufhören, den Körper in eine Form zu zwingen, und stattdessen lernen zuzuhören."

Fazit

Die funktionelle Anatomie des Yin Yoga erinnert uns daran, dass es nicht darum geht, wie eine Haltung aussieht. Entscheidend ist, ob sie für den individuellen Körper sinnvoll wirkt. Jeder Körper besitzt seine eigene Architektur. Und vielleicht wird Yoga genau dort am ehrlichsten: An dem stillen Ort, an dem Knochen auf Leben treffen.

Über die Autorin

Meine Name ist Anne van Keulen und ich bin Yoga Lehrerin (E-RYT 200, YACEP) und unterrichtet seit über zehn Jahren Yoga. In meiner 75h Yin Yoga Lehrerausbildung in Deutschland vermittel ich funktionelle Anatomie, Faszienwissen und den funktionellen Ansatz nach Paul Grilley.

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