Yin Yoga und die Kunst des Loslassens

Veröffentlicht am 9. Juni 2026 um 09:45

Wenn der Körper festhält, was der Geist längst vergessen möchte

Manchmal glauben wir, etwas längst verarbeitet zu haben. Wir erzählen uns, dass wir weitergegangen sind. Dass wir akzeptiert haben. Dass uns eine Situation nicht mehr berührt. Doch der Körper erzählt oft eine andere Geschichte. Er zeigt sich in verspannten Schultern, einem angespannten Kiefer, flacher Atmung oder einer inneren Unruhe, die wir nicht immer erklären können. Während der Verstand seine Geschichten erzählt, reagiert der Körper auf das, was noch nicht vollständig verarbeitet wurde.

Der Körper vergisst nicht

Unser Nervensystem speichert Erfahrungen nicht als Gedanken, sondern als körperliche Reaktionen. Nach belastenden Ereignissen schützen wir uns oft unbewusst. Die Schultern ziehen nach vorne, der Brustkorb wird enger, die Atmung flacher. Der Körper bereitet sich auf Gefahr vor, auch wenn diese längst vorbei ist. Diese Schutzmechanismen sind intelligent. Sie helfen uns, schwierige Situationen zu bewältigen. Problematisch wird es erst, wenn wir sie dauerhaft mit uns herumtragen. Dann wird Anspannung zum Normalzustand.

Warum Herzöffner so tief wirken können

Viele Menschen erleben unterstützte Rückbeugen wie Supported Fish Pose, Supported Bridge Pose oder Melting Heart Pose als besonders intensiv. Das liegt nicht daran, dass diese Haltungen Gefühle „freisetzen“. Vielmehr schaffen sie Bedingungen, unter denen der Körper aufhören kann, sich zu schützen.

Wenn wir über längere Zeit ruhig und unterstützt in einer Haltung verweilen, erhält das Nervensystem eine wichtige Botschaft:

• Du bist sicher.
• Du musst nichts leisten.
• Du musst nichts festhalten.

Begleitet von einer ruhigen Atmung kann der Körper beginnen, Spannung loszulassen, die oft über lange Zeit unbemerkt geblieben ist. Für viele Yogalehrer:innen und Praktizierende ist dies eine wichtige Erkenntnis. Was äußerlich wie eine einfache Haltung aussieht, kann tiefgreifende Auswirkungen auf das Nervensystem und unser subjektives Erleben haben.

Loslassen kann man nicht erzwingen

Einer der häufigsten Irrtümer in der Yogapraxis ist die Vorstellung, Loslassen sei etwas, das wir aktiv tun müssen. Doch echtes Loslassen geschieht selten durch Anstrengung. Wir können es nicht erzwingen. Wir können lediglich die Bedingungen schaffen, unter denen es entstehen darf. Genau darin liegt die Kraft des Yin Yoga.

Wir bleiben.

Wir atmen.

Wir beobachten.

Wir geben der Erfahrung Zeit.

Und manchmal bemerken wir plötzlich, dass etwas leichter geworden ist, ohne dass wir genau sagen können, wann dieser Wandel begonnen hat.

Yin Yoga als Praxis des „For Giving“

Im Englischen steckt im Wort forgive eine interessante Bedeutung. Wörtlich betrachtet bedeutet es, etwas vollständig wegzugeben. Natürlich geht es dabei nicht darum, Verhalten zu entschuldigen oder Verletzungen zu verharmlosen. Vielmehr geht es darum, die Last nicht länger selbst tragen zu müssen. Oft halten wir nicht an einer Situation fest. Die Situation hält an uns fest.

Yin Yoga erinnert uns daran, dass wir nicht alles kontrollieren müssen. Manchmal genügt es, still zu werden und dem Körper die Möglichkeit zu geben, das loszulassen, was nicht länger gebraucht wird.

Fazit

Loslassen beginnt selten im Kopf. Oft beginnt es im Körper. In einem ruhigeren Atemzug. In entspannten Schultern. In einem Herzraum, der nicht länger geschützt werden muss. Yin Yoga bietet keinen schnellen Weg zur Veränderung. Es lädt uns vielmehr dazu ein, präsent zu bleiben und dem Körper zuzuhören. Manchmal entsteht genau dort die größte Freiheit: In dem Moment, in dem wir aufhören festzuhalten.

Über die Autorin

Meine Name ist Anne van Keulen und ich bin Yoga Lehrerin (E-RYT 200, YACEP) und unterrichtet seit über zehn Jahren Yoga. In meiner 75h Yin Yoga Lehrerausbildung in Deutschland vermittel ich funktionelle Anatomie, Faszienwissen und den funktionellen Ansatz nach Paul Grilley.

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