Viele Yin Yoga Sequenzen beginnen mit einem Thema, einer Haltung oder einem Meridian. Doch funktionelles Yin Yoga beginnt an einem anderen Ort: beim Zielbereich. Warum die Wirkung einer Haltung wichtiger ist als ihre Form und was die Geschichte von Arjuna uns über gutes Sequencing lehren kann.
Warum Yin Yoga nicht mit Haltungen beginnt, sondern mit Zielbereichen
In der indischen Mahabharata gibt es eine berühmte Geschichte über den Bogenschützen Arjuna und seinen Lehrer Drona.
Eines Tages platzierte Drona einen hölzernen Vogel hoch oben in einem Baum und forderte seine Schüler auf, mit Pfeil und Bogen auf ihn zu zielen. Bevor sie schießen durften, stellte er jedem dieselbe Frage:
„Was siehst du?“
Der erste Schüler antwortete: „Ich sehe den Baum, die Äste, die Blätter und den Vogel.“
Drona schüttelte den Kopf.
Ein anderer sagte: „Ich sehe den Vogel auf dem Ast.“
Wieder schüttelte Drona den Kopf.
Dann wandte er sich an Arjuna und fragte:
„Was siehst du?“
Arjuna antwortete:
„Ich sehe nur das Auge des Vogels.“
Erst dann durfte er schießen. Der Pfeil traf sein Ziel perfekt.
Was hat das mit Yin Yoga zu tun?
Wenn wir eine Yin Yoga Stunde planen, stehen uns unzählige Möglichkeiten zur Verfügung. Wir können über Chakren unterrichten, über Meridiane, über die Jahreszeiten, über Vergebung, Erdung oder Yoga-Philosophie. All diese Themen können einer Praxis Tiefe verleihen. Doch bevor ich eine Sequenz plane, stelle ich mir immer dieselbe Frage: Was möchte ich eigentlich erreichen? Oder anders gesagt: Was ist mein Zielbereich?
Der häufigste Fehler beim Sequencing
Viele Yogalehrer:innen beginnen ihre Planung mit Haltungen. Sie überlegen, welche Asanas sie unterrichten möchten, welche Übungen gut zum Thema passen oder welche Formen besonders schön aussehen. Der funktionelle Ansatz im Yin Yoga geht genau umgekehrt vor. Wir beginnen nicht mit der Haltung. Wir beginnen mit dem Zielbereich. Die Haltung wird erst später zum Werkzeug.
Funktion statt Form
Einer der wichtigsten Beiträge von Paul Grilley war die Erkenntnis, dass Yin Yoga nicht über äußere Formen verstanden werden muss, sondern über die Wirkung auf bestimmte Gewebe und Körperregionen. Im funktionellen Yin Yoga betrachten wir drei Ebenen.
- Die erste Ebene ist das Skelett. Es erklärt, warum sich Menschen unterschiedlich bewegen und weshalb dieselbe Haltung bei verschiedenen Personen völlig anders aussehen kann.
- Die zweite Ebene sind die myofaszialen Zielbereiche. Sie helfen uns zu verstehen, welche Gewebe durch eine Haltung belastet oder stimuliert werden.
- Die dritte Ebene bilden die Archetypen. Sie ordnen Haltungen mit ähnlicher funktioneller Wirkung zu größeren Bewegungsfamilien.
"Gemeinsam schaffen diese drei Perspektiven einen klaren Rahmen
für die Planung und das Verständnis von Yin Yoga Sequenzen."
Warum ich mit acht Archetypen arbeite
Während das ursprüngliche Modell von Paul Grilley sieben Archetypen beschreibt, arbeite ich in meinen Ausbildungen mit acht.
Die Banane betrachte ich als eigenständigen Archetyp, da sie einen deutlich anderen Zielbereich anspricht als klassische Drehhaltungen. Während Twists vor allem Rotation erzeugen, öffnet die Banane die seitliche Körperlinie. Dabei werden unter anderem die schrägen Bauchmuskeln, die Zwischenrippenmuskulatur, das Zwerchfell sowie die Faszienstrukturen der Körperseiten angesprochen.
In der Praxis hat sich diese Unterscheidung als äußerst hilfreich erwiesen, da sie einen wichtigen myofaszialen Bereich sichtbar macht, der sonst leicht übersehen wird.
Ein Thema gibt Bedeutung. Ein Ziel gibt Richtung.
Nehmen wir als Beispiel eine Yin Yoga Stunde zum Anahata Chakra. Das Thema könnte Mitgefühl, Offenheit, Verbindung oder Vergebung sein. Diese Qualitäten verleihen der Praxis Bedeutung und schaffen einen emotionalen oder philosophischen Rahmen. Aus funktioneller Sicht stellt sich jedoch zunächst eine andere Frage: Welche Zielbereiche möchte ich ansprechen?
Ein Dog-Archetyp kann Brustkorb, Schultern und die obere Brustwirbelsäule stimulieren. Ein Banana-Archetyp schafft Raum entlang der seitlichen Körperlinie und erweitert den Atemraum. Ein Saddle-Archetyp belastet vor allem Hüftbeuger und Quadrizeps. Alle drei können von den Teilnehmer:innen als Herzöffner erlebt werden. Ihre anatomischen Zielbereiche sind jedoch völlig unterschiedlich.
"Sobald das Ziel klar ist, werden die Archetypen zum Rahmen.
Die Haltungen werden zu Werkzeugen. Und das Thema verleiht der Erfahrung Bedeutung."
Das Auge des Vogels
Arjuna ließ sich nicht von Ästen und Blättern ablenken. Er sah nur das Ziel. Im Yin Yoga begegnen wir ebenfalls vielen Ablenkungen. Themen, Asanas, Formen und Sequenzen haben alle ihren Platz. Doch sie sollten nicht bestimmen, worauf wir zielen.
"Die Haltung ist das Werkzeug. Der Zielbereich ist das Auge des Vogels. Und genau dort beginnt funktionelles Yin Yoga."
Über die Autorin
Meine Name ist Anne van Keulen und ich bin Yoga Lehrerin (E-RYT 200, YACEP) und unterrichtet seit über zehn Jahren Yoga. In meiner 75h Yin Yoga Lehrerausbildung in Deutschland vermittel ich funktionelle Anatomie, Faszienwissen und den funktionellen Ansatz nach Paul Grilley.
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