Warum Tamas mein größter Lehrer wurde
Die drei Gunas gehören zu den bekanntesten Konzepten der Yogaphilosophie. Gleichzeitig gehören sie vielleicht auch zu den am häufigsten missverstandenen. Sie beschreiben drei grundlegende Qualitäten, die unser Denken, Fühlen und Handeln prägen und nach yogischem Verständnis in jedem Menschen und in der gesamten Natur wirksam sind.
Tamas steht für Stabilität, Schwere und Form.
Rajas beschreibt Bewegung, Aktivität und Veränderung.
Sattva verkörpert Klarheit, Harmonie und innere Ausgeglichenheit. Traditionell werden die Gunas als Weg persönlicher und spiritueller Entwicklung verstanden:
Tamas soll überwunden, Rajas beruhigt und Sattva kultiviert werden.
Lange Zeit war dies auch mein eigenes Verständnis.
Erst viele Jahre später , nach unzähligen Unterrichtsstunden, Weiterbildungen und den Begegnungen mit hunderten Schülerinnen und Schülern, begann ich zu ahnen, dass ich die Gunas zwar erklären konnte, sie aber noch nicht wirklich verstanden hatte. Nicht, weil die traditionelle Lehre falsch wäre, sondern weil sie meine Erfahrungen als Yogalehrerin immer weniger widerspiegelte.
Heute sehe ich die drei Gunas weniger als ein Modell, das Menschen bewertet, sondern vielmehr als einen Schlüssel, um menschliche Erfahrungen besser zu verstehen. Diese veränderte Sichtweise hat nicht nur mein Verständnis der Yogaphilosophie vertieft, sondern auch die Art und Weise, wie ich Yin Yoga unterrichte.
Wie ich die Gunas kennengelernt habe
Während meiner ersten Yogalehrerausbildung wurden die Gunas als klarer Entwicklungsweg vermittelt.
- Tamas wurde mit Trägheit, Schwere, Widerstand und sogar Unwissenheit verbunden.
- Rajas stand für Aktivität, Ehrgeiz, Verlangen und ständige Bewegung.
- Sattva wurde als der höchste Ausdruck von Klarheit, Weisheit und innerem Frieden beschrieben.
Auch auf Yogalehrende wurde dieses Modell übertragen:
- Ein Tamasischer Lehrer unterrichtet unachtsam oder verantwortungslos
- Ein Rajasischer Lehrer sucht Anerkennung und Erfolg
- Ein Sattvischer Lehrer mit Demut, Präsenz und echter Fürsorge unterrichtet.
Die Botschaft schien eindeutig:
Überwinde Tamas.
Beruhige Rajas.
Kultiviere Sattva.
Damals erschien mir diese Sichtweise vollkommen logisch. Gleichzeitig stellte sie mir eine Frage, die mich über viele Jahre begleiten sollte:
Welche Art von Yogalehrerin möchte ich sein?
Mit zunehmender Unterrichtserfahrung erkannte ich die Gunas immer häufiger auch in mir selbst. Die meisten Stunden unterrichtete ich mit Freude, Neugier und aufrichtiger Aufmerksamkeit. Gleichzeitig freute ich mich über einen gut besuchten Kurs oder war enttäuscht, wenn Teilnehmer kurzfristig absagten. Und natürlich gab es Tage, an denen ich müde war oder mich fragte, ob ich überhaupt genügend Energie zum Unterrichten hatte.
Ohne es bewusst zu bemerken, begann ich, mich selbst anhand der Gunas zu beurteilen. Unterrichtete ich heute wirklich aus Sattva heraus? War mein Wunsch nach Anerkennung ein Ausdruck von Rajas? War meine Müdigkeit ein Zeichen von Tamas?
Rückblickend glaube ich, dass genau hier mein Missverständnis begann. Die Gunas hatten aufgehört, ein Werkzeug des Verstehens zu sein. Stattdessen waren sie zu einem Maßstab geworden, an dem ich mich selbst bewertete.
Die Gunas beschreiben Zustände
Mit den Jahren wurde mir klar, dass niemand dauerhaft tamasisch, rajasisch oder sattvisch ist. Je nach Lebensphase, Tagesform oder Situation treten alle drei Qualitäten in unterschiedlicher Intensität in Erscheinung. Sie beeinflussen sich gegenseitig und bleiben ständig in Bewegung.
Selbst die erfahrenste Yogalehrer kennt Tage voller Müdigkeit, Unsicherheit oder Ablenkung. Umgekehrt entstehen unsere größte Klarheit und unser tiefstes Mitgefühl häufig gerade aus schwierigen Lebensphasen.
Heute sehe ich die Gunas deshalb nicht mehr als Schubladen, in die wir Menschen einordnen können. Sie beschreiben vielmehr einen lebendigen Prozess, der sich fortwährend verändert. Diese Erkenntnis nahm den Gunas für mich ihren bewertenden Charakter und eröffnete eine neue Frage:
Was, wenn jede dieser Qualitäten ihren eigenen Sinn erfüllt?
Der Schlamm, aus dem der Lotus wächst
Traditionell wird Tamas häufig mit Dunkelheit, Schwere und Trägheit verbunden. Es gilt als jene Kraft, von der wir uns lösen sollen. Doch irgendwann stellte ich mir eine einfache Frage:
Was wäre, wenn es Tamas gar nicht gäbe?
Ohne Dunkelheit könnte kein Samen keimen. Ohne Winter gäbe es keinen Frühling. Ohne Schwerkraft könnten wir nicht stehen. Und ohne Widerstand gäbe es keine Entwicklung.
Das Bild der Lotusblume machte mir diese Erkenntnis besonders deutlich. Der Lotus wächst nicht trotz des Schlamms, sondern aus ihm heraus. Der Schlamm ist nicht das Hindernis, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Blüte überhaupt entstehen kann.
Vielleicht verhält es sich mit Tamas genauso?
Vielleicht ist Tamas nicht die Kraft, die uns von Entwicklung abhält,
sondern genau der Boden, auf dem Entwicklung möglich wird.
Diese Erkenntnis veränderte mein Verständnis der drei Gunas grundlegend. Ich musste Tamas nicht länger überwinden. Ich durfte beginnen, ihm zuzuhören.
Je länger ich darüber nachdachte, desto häufiger begegnete mir dieselbe Idee auch außerhalb der Yogaphilosophie.
Uns lehrte Siddhartha Gautama (Buddha), dass Leiden weniger durch die Schwierigkeit selbst entsteht als durch unseren Widerstand dagegen.
In der Kabbala wird der sogenannte Gegner nicht als Feind verstanden, sondern als Kraft, an der wir wachsen können.
Und Marcus Aurelius formulierte denselben Gedanken in wenigen Worten: „Das Hindernis wird zum Weg.“
Obwohl diese Traditionen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen stammen, weisen sie auf eine ähnliche Erkenntnis hin: Transformation beginnt oft genau dort, wo wir aufhören, gegen den Widerstand anzukämpfen, und stattdessen lernen, ihm mit Offenheit zu begegnen.
Die Gunas auf der Yogamatte
Je länger ich Yin Yoga unterrichte, desto häufiger erkenne ich die Gunas nicht nur in philosophischen Texten, sondern ganz praktisch auf der Yogamatte.
Nehmen wir als Beispiel die Shoelace Pose. Für viele Menschen gehört sie zu den Haltungen, die zunächst Widerstand hervorrufen. Die Hüften fühlen sich fest an, die Knie reagieren empfindlich und der Geist beginnt sofort zu verhandeln. „Vielleicht ist diese Haltung nichts für mich.“
Diese erste Begegnung ist selten von Leichtigkeit geprägt. Der Körper trifft auf seine Grenze und bleibt zunächst bei dem, was er kennt. Genau darin erkenne ich heute Tamas, nicht als Faulheit oder Versagen, sondern als Stabilität, Form und den natürlichen Widerstand, der jede Veränderung begleitet.
Von dort aus beginnt sich etwas zu entwickeln. Vielleicht genügt ein Kissen unter dem Becken. Vielleicht verändert eine gefaltete Decke die Haltung. Manchmal ist eine andere Variation sinnvoll oder die Unterstützung einer Wand. Wir beobachten, passen an und erforschen gemeinsam, was dieser Körper in diesem Moment braucht.
Hier zeigt sich Rajas. Nicht als rastloser Ehrgeiz, sondern als bewusste Bewegung, als Bereitschaft, neue Möglichkeiten auszuprobieren und auf das zu reagieren, was wir wahrnehmen.
Natürlich kann auch Rajas aus dem Gleichgewicht geraten. Dann versuchen wir, den Körper tiefer in die Haltung zu drücken, vergleichen uns mit anderen oder jagen einer vermeintlich perfekten Form hinterher. Gerade im Yin Yoga erinnert uns die Praxis jedoch daran, dass nicht der Körper der Haltung entsprechen muss, sondern die Haltung dem Körper.
Wenn diese Anpassung gelingt, verändert sich etwas beinahe unmerklich. Der Atem wird ruhiger, das Gewebe beginnt loszulassen und auch der Geist hört auf, ständig zu bewerten. Die Stille entsteht nicht, weil wir sie erzwingen, sondern weil wir die Voraussetzungen geschaffen haben, unter denen sie sich von selbst entfalten kann. Vielleicht beschreibt genau dieser Weg die natürliche Bewegung von Tamas über Rajas hin zu Sattva.
Was das Nervensystem darüber zeigt
Während meiner Weiterbildung zur Polyvagal-Theorie fiel mir auf, dass sich hier eine interessante Parallele zeigt. Die Gunas und die Polyvagal-Theorie beschreiben selbstverständlich unterschiedliche Modelle. Das eine entstammt der jahrtausendealten Yogaphilosophie, das andere der modernen Neurowissenschaft. Dennoch fiel es mir schwer, die Ähnlichkeiten zu übersehen.
Zustände von Schwere, Erschöpfung oder Rückzug erinnern an Eigenschaften, die wir mit Tamas verbinden. Innere Unruhe, Aktivität oder ständige Alarmbereitschaft ähneln dem, was die Yogaphilosophie als Rajas beschreibt. Sicherheit, Verbundenheit und innere Regulation spiegeln wiederum viele Qualitäten wider, die wir mit Sattva verbinden.
Besonders spannend finde ich dabei die Erkenntnis, dass sich das Nervensystem nur selten unmittelbar von einem dysregulierten in einen regulierten Zustand bewegt. Veränderung geschieht meist schrittweise, durch Atmung, Bewegung, Wahrnehmung oder das Gefühl von Sicherheit.
Vielleicht beobachteten die alten Yogis denselben menschlichen Prozess bereits vor Jahrhunderten.
Sie beschrieben ihn lediglich mit einer anderen Sprache.
Sequencing bedeutet mehr als das Aneinanderreihen von Asanas
Diese Sichtweise hat auch meine Art verändert, Yin Yoga Stunden zu planen.
Menschen kommen selten vollkommen entspannt in eine Yogastunde. Sie bringen ihren Arbeitstag, Verantwortung, Zeitdruck, Familienleben oder innere Unruhe mit auf die Matte. Eine gute Yin Yoga Praxis ignoriert diese Realität nicht. Sie beginnt genau dort, wo die Menschen gerade stehen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung von Sequencing. Es geht nicht darum, möglichst viele schöne Asanas sinnvoll aneinanderzureihen. Vielmehr gestalten wir einen Prozess, der den Schüler Schritt für Schritt begleitet. Dort, wo Stagnation spürbar wird, darf Bewegung entstehen. Dort, wo Unruhe vorherrscht, darf allmählich Ruhe einkehren. Und erst wenn beide Qualitäten ihren Platz gefunden haben, entsteht Raum für Klarheit.
Dieses Prinzip begegnet mir nicht nur in einer gesamten Yogastunde, sondern auch in jeder einzelnen Yin-Asana. Jede Haltung beginnt mit einer Begegnung. Mit dem Körper. Mit dem Atem. Mit dem eigenen Widerstand. Erst wenn wir bereit sind, diesen Moment wahrzunehmen, kann sich etwas verändern.
Mein heutiges Verständnis der drei Gunas
Wenn ich heute an die Gunas denke, sehe ich sie nicht mehr als Bewertungssystem. Ich frage mich nicht mehr, welches Guna gerade richtig oder falsch ist und auch nicht, ob ich eine sattvische oder rajasische Lehrerin bin.
Stattdessen erinnern mich die Gunas daran, dass Entwicklung selten geradlinig verläuft. Phasen der Ruhe wechseln sich mit Zeiten der Aktivität ab. Klarheit entsteht oft erst, nachdem wir Unsicherheit erlebt haben. Und manchmal beginnt der wichtigste Lernprozess genau dort, wo wir zunächst nur Widerstand wahrnehmen.
"Rückblickend war es ausgerechnet Tamas,
jene Kraft, die ich früher am liebsten überwinden wollte,
die zu meinem größten Lehrer wurde"
Sie hat mich gelehrt, Widerstand nicht länger als Hindernis zu betrachten, sondern als einen natürlichen Bestandteil jeder Entwicklung. Vielleicht gilt das nicht nur für unsere Yogapraxis, sondern auch für das Leben selbst.
Persönliche Anmerkung
Die Gedanken dieses Artikels basieren auf meinen persönlichen Erfahrungen als Yogalehrerin und Ausbilderin. Sie verstehen sich nicht als Neuinterpretation der traditionellen Yogaphilosophie, sondern als Einladung, die drei Gunas durch jahrelanges Unterrichten, Beobachten und Lernen aus einer weiteren Perspektive zu betrachten.
Sie sollen weder Leid noch Ungerechtigkeit rechtfertigen. Vielmehr möchten sie dazu anregen, den Herausforderungen des Lebens mit mehr Neugier, Verständnis und Offenheit zu begegnen.
Über die Autorin
Mein Name ist Anne van Keulen. Ich bin E-RYT 200, YACEP und unterrichte seit über zehn Jahren Yoga. In meiner 75h Yin Yoga Lehrerausbildung vermittle ich funktionelle Anatomie, Faszienwissen, traditionelle Yogaphilosophie und die authentische Yin-Yoga-Methode nach Paul Grilley. Mein Ziel ist es, theoretisches Wissen und praktische Erfahrung miteinander zu verbinden, damit Yin Yoga nicht nur verstanden, sondern auch kompetent und individuell unterrichtet werden kann.
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